Von unserem Mitarbeiter Sebastian Stollhof
» Es ist der dritte Sonntag im Jahr 1924, gleichzeitig Kerwesonntag im Saal Frey in Ruppertsecken: Valentin Wolf, ein 24-jähriger, unermüdlicher Spaßvogel ist übers Wochenende von seiner Arbeitsstelle, einer Kohlengrube im Ruhrgebiet, zuhause. Gegen 23 Uhr präsentiert er dem gut gelaunten Publikum, natürlich mit ein paar Kerweschoppen intus, einen speziellen Rheinländer“. Der Saal tobt und aus einem Spaß vonWolf wird ein Kerwetanz, der aus Ruppertsecken bis heute nicht mehr wegzudenken ist: der "Rubbezecker Knubber“.

„So muss es gewesen sein“, sind sich Alexander Stollhof und Edwin Stollhof, die beiden ältesten „Rubbezecker Kerwevädder“, einig. Wie es historisch ganz genau gewesen ist, können jedoch auch sie nicht schildern. „Das war damals die Generation unserer Eltern, die Jahrgänge um 1900,“ sagt Alexander Stollhof, 68 Jahre alt und hat somit erst zehn Jahre nach der „Knubber- Geburt“ selbst das Licht der (Nordpfälzer) Welt erblickt. Valentin Wolf und Philipp Strauch schufteten zu der Zeit in einer Kohlegrube im Ruhrgebiet. „De Valentin hot des damals alles geschmiss“, weiß Alexander Stollhof – in Ruppertsecken von allen aber nur „Alex“ genannt. Wolf war im höchsten Dorf der Pfalz bekannt wie ein bunter Hund. Wie der Spaßvogel allerdings zum „Knubber“ kam, kann auch Edwin Stollhof nur vermuten: „Der Valentin war damals noch ein junger Kerl und konnte auch nicht jedes Wochenende heim kommen. Also ist er abends im Ruhrgebiet unter die Leute gegangen und in irgendeiner Wirtschaft werden sie wohl den Knubber getanzt haben.“

„Hase-“ und „Kissjes-Tanz“

Dass der „Rubbezecker“ Tanz von den Nordpfälzern gleich angenommen wurde, steht für die Beiden außer Frage: „Zur damaligen Zeit waren die Leute für Alles offen, was neu dazu kam. Zudem gab es auch noch nicht die Menge an Musikstücken wie heute.“ Der „Knubber“ war im übrigen nicht der einzige Tanz, den Wolf vom Ruhrgebiet mit nach Ruppertsecken brachte. „Damals wurd aach noch de ,Hase- Tanz‘ un de ,Kissjes-Tanz‘ vum Valentin ingefiehrt“, plaudern die beiden aus ihrem reichen Erfahrungsschatz. Durchgesetzt hat sich jedoch nur der „Knubber“. Warum, kann sich Alexander Stollhof‘s Ehefrau Gertrud denken: „Für den ,Hase-Tanz‘ und den ,Kissjes-Tanz‘ brauchte man auch viel Platz. Und der war damals in den engen Sälen einfach nicht vorhanden.“

„Solo“ am Sonntag


Platzprobleme gab es in früherer Zeit – wie oft auf dem Lande – in Ruppertsecken sowieso. Die beiden ehemaligen Kerwevädder erinnern sich: „An der Kerwe war damals am Freitag und Samstag noch keine Musik. Am Sonntag spielte dann von 16 bis 18 Uhr eine Kapelle, und dann ging es ab 20 Uhr mit Musik wieder weiter. Am Montag Morgen war Frühschoppen und am Abend nochmal Musik.“ Überhaupt war in der guten alten Zeit noch Vieles anders. Die Kapellen spielten noch nicht im Ruppertsecker Bürgerhaus, – klar, das war noch gar nicht gebaut – sondern im Saal Frey und im Saal Huy. Während am Sonntag in den Sälen „Solo“ war, wurden beim Frühschoppen am Montag nur „ins Huye“ Schoppen gehoben. „Am Sonntag wurde ,Solo‘ gehalten. Das heißt, dass nur zehn Paare in den Saal durften um zu tanzen. Die anderen mussten draußen auf der Straße warten“, sagt der 65-jährige Edwin Stollhof. Damals saßen die Musiker im Saal Frey noch auf einer „Musikanten- Pritsch“ und haben dann so lange gespielt, bis sie „besoffen waren“. „Solohalter“ Karl Engel hat derweil an der Tür ganz konsequent keinen mehr reingelassen – „ohne Diskussionen“. Es gehörte also schon eine gehörige Portion Glück dazu, um den „Knubber“ überhaupt im Saal tanzen zu können. „Vor 23 Uhr haben alle drauf gelauert. Es wurde sich umgeschaut, wen man nehmen kann und dann wieder schnell auf der Straße angestellt.“ Beim „Solo“-Abend strömten in die beiden Säle zwei verschiedene „Cliquen“: „Damals hatten wir zwei Gesangvereine. Die Angehörigen der ,Eintracht‘ waren ins Freye und die der ,Concordia‘ im Saal Huy.“ Die Teilnahme von Frauen am Montags- Frühschoppen war bis zum Jahr 1960 undenkbar! „Do gabs kä Dischpedirerei, des war efach so.“ Die „Männergesellschaft“ war in trauter Eintracht unter sich, entsprechend „gut druff“, denn nicht Wenige hatten die Nacht zuvor von Sonntag auf Montag durchgemacht. Die Musik spielte bei diesem ausgiebigen Frühschoppen dann auch nur zur Unterhaltung, getanzt wurde unter Männern nicht.

Geht nicht, gibt‘s nicht


Grundvoraussetzung war und ist natürlich, dass die Kapellen den „Knubber“ spielen können. Hatten die Musiker die Melodie nicht in ihrem Repertoire, mussten sie ihn nach den Vorgaben der Ruppertsecker einstudieren. „Früher haben alle zusammen den ‘Knubber‘ gesungen. Mittlerweile gibt auch schon einmal ein Vorsänger am Mikro den Takt vor. Natürlich singen dann die Tanzpaare aber weiter aus voller Brust mit“, so die beiden Stollhofs, die im übrigen nicht miteinander verwandt sind.

Kein Tanz zur Anmache

Ein Tanz, um Frauen „anzumachen“ war der „Knubber“ nie: „Wenn man e Märe kennen lernen wollte, hat man sie besser nicht zum ,Knubber‘-Tanzen genommen. Da tanzte man lieber einen Tango oder langsamen Walzer. So wurde sie schneller gewonnen.“ Die Beiden sind sich sicher, dass der „Knubber“ kein Tanz für die Mädels ist. Die holde Weiblichkeit konnte nämlich auch „einen Korb erhalten“ – denn auf eins hatten die Männer beim Aussuchen der Tanzpartnerin ganz besonderes Augenmerk: „Man hat sich damals ein Mädel mit Holz vor der Hütte gesucht. Beim ,knubben‘ soll‘s ja schließlich auch gut federn.“ Trotz bester Federung haben und hatten der eine und die andere am Tag danach einen gehörigen Muskelkater vom wilden „Knubben“. Für allzu „Wilde“ haben sich die Frauen dann etwas einfallen lassen: „Wenn des de Kerl so doll gemacht hot, dann hun mer uns umgedreht un dann hun se uns uff de Rigge ,geknubbt‘“, kennt Gertrud Stollhof die weibliche „Kunbber-List“. Der Liedtext wurde im Original übernommen. Lediglich der erste „Rubbezecker Kerwevadder“ Gunther Porz dichtete die derben Zeilen „Oh Susanna, du hosch am Arsch e Leberfleck. Oh Susanna, der Leberfleck muss weg!“ hinzu. Auf das „Kerwe- Outfit“, damals noch auf gut deutsch „Kerwekläädsche- oder Keweraazug“ genannt, wurde großen Wert gelegt: „Man ging nur mit Schlips, Manschetten- Knöpfen und dem Strunz-Tuch im Sakko auf die Kerwe-Musik. Da gab‘s nichts Anderes.“ Denn damals war eine Tanzveranstaltung – auch mangelsMasse – noch etwas ganz Besonderes. „Es gab den Vereinsball, eventuell eine Pfingst-Musik und die Kerwe. Die Leute haben früher auch noch bis ins hohe Alter getanzt“, schwelgen die beiden „Junggebliebenen“ in Erinnerungen. Der „Knubber“ dagegen wurde nur an der Kerwe getanzt. Absolut verboten: „Wenn man früher in benachbarten Orten die ‘fremd Kerb‘ hoch leben gelassen hat, drohte von den dortigen Kerweborsch sogar eine ordentliche Abreibung.“ Der „Knubber“ wurde auswärts nie getanzt. Bestimmt auch deswegen, weil die Kapellen die Melodie, ganz zu schweigen vom Tanz, nicht kannten.

Frauen dürfen auf Frühschoppen

Doch auch im „Knubberdorf“ blieb die Zeit nicht stehen: Seit gut 40 Jahren dürfen Frauen zum Frühschoppen. Die beiden Alt-Kerweborsch finden die weibliche Auflockerung an den Kerwetischen gut: „Jetzt sind Kind und Kegel, der Opa, die Oma, die ganze Familie dabei. So wird der Frühschoppen von zehn Uhr am Morgen bis zehn Uhr am Abend zu einer Art Familientag.“ Mit einem Lächeln macht „Alex“ Stollhof aber auch klar, dass das Limit zehn Uhr am Abend für Jugendliche nicht gilt.

„Nicht mehr wegzudenken“

Im Jahr 1973 starb der „Knubber-Vater“ Valentin Wolf. Er hat somit nicht mehr erlebt, als vor 20 Jahren mit der Einweihung des Ruppertsecker Bürgerhauses die Kerwe dorthin verlegt wurde – bis auf den Frühschoppen am Kerwemontag. Dieser fand vorerst weiterhin im Saal Huy statt. Der Saal Frey war seit den 60er Jahren geschlossen. Vor zehn Jahren wurde dann auch der Frühschoppen vom Saal Huy ins Bürgerhaus verlegt. Mittlerweile sind beide Säle dicht. Die Kerwe spielt sich komplett am und im Bürgerhaus ab. Am Sonntag ist Musik weitestgehend tabu, abgesehen vom Konzert des Musikvereins Dannenfels nach der Kerwerede. Kerwetanz ist am Samstag Abend, der „Knubber“ wird nach der Kerwefeuerübergabe kurz nach Mitternacht getanzt. Trotz aller Änderungen, in Einem sind sich die Stollhofs sicher: „De Knubber is vun Rubbezecke net wegzudenke!“ An einen Unfall beim „Knubber“ können sich die Beiden nicht erinnern. „Auch dass ein kleiner Kerl mit einer großen Frau tanzte und beim ,Knubben‘ hochspringen musste, habe ich noch nicht erlebt. Das hat irgendwie immer gepasst“, so Edwin Stollhof. Von einer durch den „Knubber“ eingeleiteten Liebesbeziehung oder einem Eifersuchts- Drama, wurde nichts überliefert. Eines ist seit der Einführung bis zum heutigen Tage gleich: „Die Auswärtigen staunen immer, wenn sie zum ersten Mal den ‘Knubber‘ sehen.“ In der guten alten Zeit war aber doch etwas anders: „Der Knubber wurde mit mehr Enthusiasmus getanzt.“ Auch dafür haben die beiden ehemaligen „Kerwevädder“ eine Erklärung: „Der ,Knubber‘ wird jetzt öfter getanzt. Das liegt darn, dass er mittlerweile nicht nur an der Kerwe, sondern auch auf anderen Veranstaltungen im Ort gespielt wird.“ An seiner Anziehungskraft hat das Mysterium – für die einen Kerwetanz, für die anderen eine Art Körperverletzung – nichts verloren: „Uns gedenkt keine Kerwe ohne ‘Knubber‘. Es ist ein Tanz, der von der Jugend gerne übernommen wurde und ist. Nach wie vor freut sich Alt und Jung darauf.“

Alt-Ruppertsecker „unplugged“


So steht bestimmt auch an der nächsten Kerwe der Saal beim „Knubber“ wieder Kopf: Zwischen Freitag, 13. bis Dienstag, 17. September. Für die Gäste gibt es dann wieder genug Möglichkeiten, um ordentlich zu „knubben“ – zumal in diesem Jahr „55 Jahre Rubbezecker Rubbezecker Kerweredd“ gefeiert wird. „Kerweborsch un -Mäd“, Ortsgemeinde und Gastwirte nehmen dieses Jubiläum zum Anlass, das Programm zu erweitern. So haben sich „alteingesessene“ Ruppertsecker – mit dabei auch Edwin Stollhof – zu einer bunten Kapelle zusammengefunden. Sie werden am Kerwefreitag im Wechsel mit den DJ‘s vom „RVC“ für Kerwestimmung sorgen. Erstmals gibt‘s somit in „Rubbezecke“ am Kerwefreitag Live-Musik. Im Repertoire der Band, wie soll‘s auch anders sein: der „Knubber“.

Muskelkater am Tag danach


Edwin und „Alex“ Stollhof lassen es sich vor allem am Kerwemontag nicht nehmen, wieder ordentlich zu „knubben“. Dass dann auch wieder ein Mädel mit „ordentlich Holz vor der Hütte“ gesucht wird, steht nicht nur für die Beiden außer Frage. Und auch Gertrud Stollhof gesteht: „Den ,Knubber‘ habe ich von Anfang an gerne getanzt.“ Nur ein Problem werden die Drei dann wohl wieder haben – der Muskelkater am Tag danach: „Mit dem Alter geht das nicht mehr so. “ Trotzdem: Eine Kerwe ohne „Knubber“ ist für die Stollhofs undenkbar. Zumal sich diese Tradition so lange, so intensiv, durchgesetzt hat. Der „Knubber“ wird auch heute noch eigentlich nur an der Kerwe mit der richtigen Leidenschaft getanzt. In der Fremde packen ihn die Ruppertsecker eher selten aus. Vielleicht holen die „Kerweborsch“ in diesem Jahr sogar den Schlips oder das Sakko aus dem Schrank, um auch „kleidungstechnisch“ die Tradition hoch zu halten. Aber das ist letztendlich egal: Denn „Knubber“ ist „Knubber“, egal ob im Anzug oder im T-Shirt. Was wohl der Spaßvogel Valentin Wolf sagen würde, wenn er wüsste, was aus seinem nicht ganz Ernst gemeinten Import geworden ist?