» Montag, 13.53 Uhr. Noch zwei Minuten fehlen den Ruppertseckern zum "Knubber-Weltrekord". Längst steht das "ausverkaufte" Bürgerhaus Kopf. Auch der Schiedsrichter, Polizeibeamter Heribert Leber, ist zum Fan geworden. "Los, auf geht's", peitscht er das ohnehin frenetisch mitgehende Publikum an. "Petrus schließt den Himmel zu", beginnt Alleinunterhalter Wolfgang Bayer zum x-ten Male die fünfte Strophe. Auf der Tanzfläche mobilisieren die 23 Paare ihre letzten Kräfte, gehen in die Knie, donnern ihre Brüste aneinander. Immer und immer wieder. Seit nunmehr 44 Minuten. Noch eine Minute. Der "Knubber", der legendäre "Rubbezecker" Kerwetanz, ist auf dem besten Weg ins "Guinness- Buch der Rekorde". Was soll jetzt noch schief gehen?

Rückblende: Um kurz nach zwölf gibt es kaum noch Sitzplätze im "Knubber-Stadion" an der Ruppertsecker Hauptstraße. Geparkt wird inzwischen auf einer Wiese am Ortsrand, am und um das Bürgerhaus sind alle Plätze belegt. Das "Team" ist bereits auf der Tanzfläche, um Atmosphäre zu schnuppern. Mittendrin: "Knubber-Organisator" Sebastian Stollhof, mit einem breiten Grinsen im Gesicht - und fast olympischen Ringen unter den Augen. Denn die sportliche Vorbereitung auf das "Spiel seines Lebens" verlief nicht gerade optimal, schließlich war in Ruppertsecken ja auch gestern Kerwe - da war "Jägermeister" angesagt. Und jetzt auch noch 45 Minuten "Knubber" tanzen - so hat er es mit "Guinness" ausgehandelt. Sein Trost: "Es muss jo nur ää Paar derchhalle - dann hammer de Weltrekord." Doch auch das scheint alles andere als ein Selbstläufer zu sein: 45 Minuten "Knubber" am Stück - das heißt rund 200 Kniebeugen und 500 Mal "knubben". Bleibt zu hoffen, dass sich die anderen "Knubber"- Tänzer disziplinierter vorbereitet haben...

Noch wenige Minuten bis zum Anpfiff. Die Hauptpersonen, in lila Trikots mit gelber Schrift, sind beim Warmmachen. Alleinunterhalter Wolfgang Bayer, seit 30 Jahren am Kerwemontag in Ruppertsecken an den Tasten, bittet zur Schunkelrunde. Der eine oder andere macht noch ein paar Dehnübungen - bevorzugt Kniebeugen. Am Rande der Tanzfläche beziehen die Fernsehkameras von SWR 3 Stellung. Übrigens: Am heutigen Dienstag, 19.20 Uhr, ist der "Knubber" in der Landesschau zu sehen.

Das erste "Knubben" ist sanft

13.10 Uhr: Der Rekord-Versuch beginnt mit Verspätung - doch nun ist es angerichtet. Knisternde Spannung im Bürgerhaus. Schiedsrichter Leber gibt die Tanzfläche frei: "Der "Knubber" kann beginnen." Wolfgang Bayer haut in die Tasten: "Heinerle, was machst du da, ich pussier die Omama", so beginnt der Text, den der Ruppertsecker Valentin Wolf im Jahre 1924 aus dem Ruhrpott in die Nordpfalz mitgebracht hat. Seit 80 Jahren wird an der "Rubbezecker Kerb" das gemacht, was auch die etwa 200 Zuschauer jetzt zu sehen bekommen: Zwei Kniebeugen - "und linke Brust, rechte Brust, tscha, tscha, tscha". Das erste "Knubben" fällt sanft aus - bei 45 Minuten muss man die Kräfte einteilen und kann nicht einfach wild "drauflosknubbern". Auch das Publikum reagiert (noch) verhalten.
13.25 Uhr: "E Verdelschdunn hann mer schunn", verkündet "Schiri" Leber - erstmals brandet Jubel auf im Saal. Die Akteure werden lockerer - nicht zuletzt, weil Joachim immer wieder übers "Spielfeld" huscht und die Tänzerinnen und Tänzer mit Getränken versorgt. In der riesigen Drei-Liter- Flache befindet sich aber kein isotonisches Getränk - saure Weinschorle ist das, was das "Knubber"-Team jetzt braucht. Auch Radler und Bier mit Strohhalm werden gereicht. Denn der Flüssigkeitsverlust ist enorm. "Alle Mädchen haben einen kleinen Schützengraben" singt Wolfgang, während sich vor der Bühne so mancher Teilnehmer den Schweiß mit einem umgehängten Handtuch von der Stirn wischt. Moment mal - hat da einer nicht richtig "geknubbert"? Leber schwenkt die überdimensionale gelbe Karte hin und her - nein, ein Irrtum. Er hat sich lediglich anstecken lassen von der stetig steigenden Stimmung. "Die Hälfte hammer", verkündet er kurz darauf, und im Bürgerhaus gibt es einen Jubelsturm, als habe der "Betze" gerade ein Tor geschossen.
23 Paare sind weiter im Rennen. Bei dem einen oder anderen sind konditionelle Defizite mittlerweile unverkennbar: Mancher verweilt beim "Knubben" schon mal ein paar Sekunden länger als notwendig an der Brust seines Gegenübers. Oben auf der Bühne hat sich eine weibliche Front gebildet, die den aufopferungsvoll kämpfenden "Knubberern" Luft zufächelt. Bei denen stimmt der Teamgeist: Da leiht der eine seinem Nebentänzer schon mal das Handtuch. Auch das Publikum ist inzwischen voll da, die meisten stehen auf ihren Sitzen.

Leber schwenkt den "Lewwerfleck"

13.55 Uhr: Ein letztes Mal - "Alle Zinnsoldaten springen in den Schützengraben". Noch einmal "linke Brust, rechte Brust, tscha, tscha, tscha". Längst hat Leber - im richtigen Leben auch Ruppertsecker - seine Unparteilichkeit aufgegeben, schwenkt bei "O Susanna, Du hosch am A..." ein blaues Schild, auf dem "Lewwerfleck" steht. Verwarnen musste er niemand, nur einmal den Musiker und einmal das Publikum. Mit den Tänzern war ich absolut zufrieden.- Um 13.57 Uhr verkündet er: "Der Rekord ist geschafft." Der Rest ist Jubel - und Erschöpfung. Während die Jüngeren noch einen "Ehren-Knubber" aufs Parkett legen, sagt Arno Stollhof, mit 58 Jahren der älteste Rekordler: "Jetz bin ich kaputt " fer heit reicht's mim Knubber". Ortsbürgermeister Walter Krück, der selbst fleißig "geknubbert" hat, gesteht schweißtriefend: "Die Oberschenkel brennen. Aber ich bin sehr stolz " vor allem, dass alle Paare durchgehalten haben. Ob es "nur" ein Weltrekord ist oder ob es wirklich einen Eintrag ins Buch der Rekorde gibt, entscheidet nun Guinness. Doch das ist dem "Knubber"- Team im Moment völlig egal: Das feiert erst mal typisch nordpfälzisch seinen Erfolg: Mit 50 Litern Freibier der Brauerei Bischoff und einem dreistöckigen "Lewwerwerscht- Bermsche". Und was steht heute Abend auf dem Programm- "Aja, do danze mer e Knubber", sagt Sebastian Stollhof. Was ein echter "Rubbezecker" ist, der bekommt eben nie genug von seinem "Knubber". (kra)