» Samstagvormittag, kurz vor 9 Uhr: Das höchste Dorf der Pfalz scheint bei der Anfahrt wie ausgestorben. Während in anderen Orten Menschen ihre Vorgärten pflegen, die Straßen kehren oder Autos waschen, ist in Ruppertsecken niemand zu sehen. Erst in Höhe des Bürgerhauses sind erste Lebenszeichen zu vernehmen. Einige wenige Autos sind hier abgestellt, und leise Töne dringen vom Rasenplatz am Ortsausgang gegenüber der Bushaltestelle an unser Ohr. Etwas mehr als eine Hand voll junger Mädchen üben sich als Cheerleaderinnen im Rad schlagen. Als nächstes ist der Übertragungswagen des Radiosenders SWR1 zu sehen.

Er ist für etwas mehr als drei Stunden der Arbeitsplatz von Wolfgang Heidig, der nicht nur für den guten Ton sorgt, sondern auch per Satellit die Verbindung ins Studio herstellt. Der Kleintransporter ist vollgepackt mit modernster Kommunikationstechnik und zugleich Dreh- und Angelpunkt für die Moderatorin Anke Müller und ihre Assistentin Tina Braunisch, die sich mit Sebastian Stollhof, der die Rolle des Fußballkommentators übernommen hat, regelmäßig hier treffen, um sich abzusprechen, wenn der nächste „Take“ ansteht.

Welches Spiel war es wohl?

Derweil übt die „Rubbezecker“ Nationalmannschaft immer wieder die vorgegebenen Spielszenen dreier Weltmeisterschaften, die nachgestellt werden sollen. Aufgabe der Hörer ist es dann zu erraten, um welche Spiele es sich handelt.Werden zwei richtig geraten, erhält das höchste Dorf der Pfalz ein Ortsschild mit dem Titel „SWR1 Gemeinde“. Es geht also zumindest schon einmal ums Renommee, und nicht nur Bürgermeister Walter Krück legt sich als Spieler mächtig ins Zeug. Damit auch die Form stimmt reichen die beiden Zwillinge Alice Porz und Ellen Haage Spritzgebackenes, sozusagen als erlaubtes Dopingmittel, das bisher noch nie gefehlt hat, wenn es in Ruppertsecken um etwas ging. Bratwurst gibt es und Bohnensuppe mit Würstchen. Das Weingut Roß aus Zellertal sorgt mit seinem Stand dafür, dass keine Kehlen trocken bleiben müssen, und der Radfahrverein aus Bolanden hat ein Zelt aufgebaut, in dem die Gruppe „SunScream“ zur Unterhaltung aufspielt.

Pause vor dem ersten Punkt

Denn Pausen gibt es auch, und zwar reichlich. Im detaillierten Sendeplan ist es genau nachzulesen. Nach einer kurzen Vorstellung etwa um 9.15 Uhr kommt das erste Highlight dann exakt um 9.40 Uhr. Die erste Szene wird nachgestellt, natürlich mit tatkräftiger Unterstützung der Fans. Das dauert gerade mal etwas mehr als eine Minute, dann kommt aus dem Studio die Aufforderung an die Hörer anzurufen. Die beiden folgenden Musiktitel erscheinen vielen wie eine kleine Ewigkeit, dann ist der erste Anrufer aus Neustadt an der Weinstraße in der Leitung und beantwortet die Frage richtig: 1966 war es, als im Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen England Wolfgang Weber den Ausgleich zum 2:2 in der 92. Minute erzielen konnte.

Die ersten Sektkorken knallen


Der erste Punkt ist gewonnen, die ersten Sektkorken knallen und die Stimmung steigt. Doch dann dauert es eine weitere Stunde, bis es um 10.40 Uhr so weit ist, dass die Leitung zur Direktübertragung steht. Sebastian Stollhof hat seine Truppe gegenüber an der Bushaltestelle ins Gebet genommen und rezitiert seinen Text, während die Aktiven die nächste Szene auf dem Platz wieder und wieder durchspielen. Anke Müller liest sich ebenfalls immer wieder ihre Moderation durch, prüft die Sprechverbindung zum Übertragungswagen, und telefoniert mit dem Kollegen im Studio. Tina Braunisch ist derweil mit dem Kassettenrekorder unterwegs um eine Umfrage zu machen. Sie will wissen, welcher Mannschaft die Ruppertsecker zutrauen, Weltmeister zu werden. Dann wird das Band im Ü-Wagen geschnitten und bearbeitet, bevor die letzten Instruktionen für die nächste Aufnahme erteilt werden. „Bitte nicht so nah an die Boxen, wegen der Rückkopplung. Das gibt dann so ein Echo“, lautet die Anweisung des Tontechnikers, der nebenbei die Telefonleitung zum Satelliten anwählt, damit sie rechtzeitig „steht“. Wieder klappt alles wie am Schnürchen, zwei Titel werden gespielt, und jetzt meldet sich am Telefon ein Mann aus Mainz, der wusste, dass es sich um das Spiel Deutschland gegen Italien aus dem Jahr 1970 handelte, als Gerd Müller nach einer Flanke von Libuda und einer Kopfballvorlage von Uwe Seeler verwandelte und damit den Rückstand ausgleichen konnte. „Wir sind die Besten aus dem Südwesten“, singen die Ruppertsecker Kicker ins Mikrofon. Und wieder knallen die Sektkorken, denn der Gewinn ist jetzt sicher.

„Andy Brehme“ trifft zum 2:0


Bis zum nächsten „Take“ bleibt weniger Zeit, denn der geht bereits um 11.10 Uhr „on air“. Um 11.20 Uhr liefert dann Norbert Wagner die Auflösung und den dritten Punkt. „Das war Andy Brehme 1990 im Spiel gegen Holland. Durch dieses Tor führte Deutschland 2:0.“ Jetzt gibt es kein Halten mehr, die Menschen liegen sich in den Armen und ganz Ruppertsecken tobt. Anke Müller geizt nicht mit Lob für die Spieler, für Sebastian Stollhof und natürlich für das ganze Dorf. Walter Krück bedankt sich bei allen Beteiligten und bekundet stolz, dass er von Anfang an überzeugt war, dass seine Bürger das schaffen würden. Während auf dem Gelände die große Siegesfeier steigt, bauen Anke Müller, Tina Braunisch und Wolfgang Heidig ab. Lautsprecher, Mikros und andere Gegenstände werden im Bus verstaut. Nach mehr als drei Stunden geht es Richtung Heimat. (mhz)